Rückblick: Wie deutsche Kräfte sich dem Flammenmeer in Tschechien entgegen stellten

Freiwillige Feuerwehren aus dem Kreis Görlitz halfen unbürokratisch bei Waldbrand in der böhmischen Schweiz.

Als am Morgen des 24. Juli 2022 in der Böhmischen Schweiz, nur wenige hundert Meter von der Grenze zu Deutschland entfernt ein Waldbrand ausbrach, ahnte offenbar noch niemand, welche Dimensionen dieses Feuer erreichen und welche unvorstellbare Schäden es anrichten würde. Nachdem der Brand am Sonntagmorgen ausbrach und gegen Mittag so gut wie gelöscht schien breitete sich das Feuer am Nachmittag plötzlich wieder aus und erreichte am Sonntagabend bereits eine bedrohliche Größe. Kräfte aus der gesamten Region um Hrensko und Ústí nad Labem waren bereits im Einsatz, auch mit Hubschraubern versuchte man das Feuer zu löschen. Die Rauchentwicklung war enorm, aus 50 Kilometern Entfernung konnte man den Waldbrand bereits erkennen. Als es am Abend dunkel wurde, musste die tschechischen Kräfte ihren Einsatz abbrechen. Nahezu alle Kräfte zogen sich zurück, das Feuer hingegen breitete sich in der Dunkelheit weiter aus. Der Hauptbrandherd befand sich zwischen den Ortschaften Hrensko und Mezna. Ein zweiter Brandherd lag einige hundert Meter entfernt, noch näher an der Deutschen Grenze.

In der böhmischen Schweiz breitete sich der Waldbrand auch über Nacht rasend schnell aus.

Am Montag, dem 25. Juli 2022 wurden Feuerwehrkräfte aus der gesamten Region Usti Nad Labem nach Hrensko alarmiert. Mit vereinten Kräften stellte man sich dem weiter gewachsenen Feuer entgegen, doch der aufkommende Wind erschwerte die Löscharbeiten. Als im weiteren Verlauf des Montags der Wind immer mehr zunahm und es immer stürmischer Wurde, geriet der Waldbrand vollends außer Kontrolle. Kräfte aus nah und fern waren bereits im Einsatz, vor allem mit unzähligen Tanklöschfahrzeugen. Auch die Feuerwehr aus dem tschechischen Varnsdorf kämpfte gegen den Waldbrand, der sich mittlerweile auch auf Deutscher Seite bei Bad Schandau ausbreitete. Während in Deutschland jedoch „nur“ der Nationalpark von den Flammen getroffen wurde, so bedrohte das Feuer in Tschechien das erste bewohnte Gebiet. Die Ortschaft Mezna, ein Dorf mit 22 Häusern und 45 Einwohner, musste evakuiert werden. Zu nah waren die Flammen der vom Tourismus geprägten Ortschaft bereits gekommen. Zu dem Zeitpunkt bereits in Kontakt: der Varnsdorfer Kommandant Jiri Sucharda und der Großschönauer Wehrleiter Fabian Hälschke. Beide pflegen seit vielen Jahren nicht nur eine enge Freundschaft. Die beiden Feuerwehren sind seit über 50 Jahren auch durch einen gemeinsamen Löschhilfevertrag verbunden. Mit diesem als Grundlage gab es am späten Montagnachmittag ein dringendes Hilfeersuchen der tschechischen Kameraden beim Wehrleiter aus Großschönau, der umgehend mit seinem Bürgermeister und dem zuständigen Kreisbrandmeister Kontakt aufnahm. Danach ging alles blitzschnell. Die Verantwortlichen in den Behörden konnten auf kurzem Dienstweg ohne bürokratische Verzögerungen die notwendigen Absprachen treffen und letztendlich eine taktische Einheit zusammenstellen, die sofort einsatzbereit war, um den befreundeten Feuerwehrleuten im benachbarten Tschechien zu helfen.

Die Freiwillige Feuerwehr Großschönau verfügt über ein geländegängiges Tanklöschfahrzeug auf einem Tatra-Fahrgestell.

Gegen 19:00 Uhr machten sich die Feuerwehren aus Bertsdorf-Hörnitz, Niederoderwitz und Großschönau, sowie dem Stellvertretenden Kreisbrandmeister auf den Weg nach Mezna bei Hrensko. Die Einheit bestand aus einem Kommandowagen, drei
Tanklöschfahrzeugen und einem Schlauchwagen. Als die Kameraden in Mezna eintrafen, wurden sie mit den zwei TLF aus Großschönau und Bertsdorf sofort für eine Riegelstellung eingesetzt, während das Oderwitzer TLF für die Löschwasserversorgung pendelte. Zu dem Zeitpunkt war das Dorf bereits evakuiert worden. Absperrband an den Türklinken war der stumme Hinweis darauf, dass die Bewohner ihre Häuser verlassen hatten. „In der Ortsmitte versorgte uns ein riesiger Tanker mit 21.000 Litern Löschwasser“, erinnert sich der Großschönauer Fabien Hälschke bei einer Einöatznachbesprechung im Herbst direkt in Mezna. Seine Kameraden und die Kräfte aus Tschechien hatten es sich als Aufgabe gesetzt, den Ort Mezna vor den Flammen zu schützen, welche bereits vom Dorf aus zu sehen waren. Es schien unvermeidbar, dass das Feuer auf die Ortschaft treffen sollte, die Wohnhäuser mussten geschützt werden. Dazu waren zeitweise bis zu 18 TLF mit Fassungsvermögen von 4.000 bis 9.000 Litern im Einsatz, um das G-TLF zu befüllen. Das Wasser dafür holten die TLFs aus umliegenden Teichen, welche jedoch schnell erschöpft waren. Der SW 2.000 der Feuerwehr Großschönau verlegte deshalb an einen neuen Teich in 7 Kilometern Entfernung, wo eine 300 Meter Lange B-Leitung bis an die Hauptstraße gelegt wurde, um die pendelnden TLF zu speisen. Jedes TLF war jeweils 25 bis 30 Minuten unterwegs, um am Teich Wasser zu holen und dieses wieder am G-TLF in Mezna abzugeben.

Bei einer Einsatznachbesprechung schauten sich die beteiligten Kameraden die teilweise zerstörte Ortschaft Mezna an.

„Dank der vielen Fahrzeuge hatten wir immer genug Wasser“, schilderte Fabian Hälschke bei der Einsatznachbesprechung am ehemaligen Einsatzort. Doch das Feuer habe sich in der Zeit in erschreckender Geschwindigkeit weiter in Richtung der Kameraden ausgebreitet. „Der Rauch wurde immer dichter, stellenweise regnete es verkohlte Blätter“, so Hälschke weiter. Der Wasservorrat am Teich beim SW 2.000 ging zügig zur Neige. Eine  weitere Entnahmestelle wurde erkundet. Sie befand sich in Jetrichovice, ca. 11 km von Mezna entfernt. Die SW-Besatzung ließ die Schläuche an ihrem Teich liegen und verlegte mitsamt Pumpe nach Jetrichovice, wo gemeinsam mit den Tschechen eine neue Befüllstation aufgebaut wurde. Die Fahrt jedes pendelnden TLFs betrug jetzt 35 bis 40 Minuten. Für die Maschinisten der Tanker war das eine enorme psychische Herausforderung. Den glutroten Himmel im Blick und mit dem Wissen, dass die Kameraden das Wasser dringend brauchten, mussten unzählige Kilometer zurückgelegt werden.

Das Flammenmeer im Wald ließ die Umgebung feuerrot leuchten, der Rauch sorgte für schlechte Sicht.

Trotz dieses unermüdlichen Einsatzes musste der Kampf gegen die Flammen gegen 02.45 Uhr abgebrochen werden. „Eine Feuerwalze traf auf Mezna mit ungebremster Wucht. Der Himmel war glutrot“, erinnerte sich Fabian Hälschke zurück. Er und seine Kameraden standen in einem hagelähnlichen Funkenflug und immer dichter werdendem Rauch. Unwirkliche Geräusche und ein regelrechtes Fauchen verbreiteten eine unheimliche Stimmung. Das Feuer saugte die Luft am Boden an und blies zugleich den Feuerwehrleuten entgegen. Die tschechischen Kameraden versuchten nochmals einen Löschangriff, während den deutschen Kräften so viel Rauch entgegenstand, dass es die einzig mögliche Entscheidung war, sich sofort zurückzuziehen. Doch der Rückzug wurde zur regelrechten Flucht, die Feuerwalze rückte immer näher.

In der Ortschaft Mezna setzte der Waldbrand mehrere Häuser in Brand.

Alle Kräfte sammelten sich nun in der nahegelegenen Ortschaft Mezni Louka. In der Lagebesprechung entschied man sich für einen neuen Angriff. Das verbliebene Material wurde wieder in Ordnung gebracht, um erneut nach Mezna vorzurücken. Dabei unterstützten auch die tschechische Polizei. Im betroffenen Dorf angekommen bot sich ein dramatisches Bild: drei Häuser standen in Vollbrand, der Himmel Leuchtete feuerrot, der Brand war bereits durch den Ort hindurchgezogen und hatte sich weiter in den umliegenden Wald ausgebreitet. Wie durch ein Wunder blieben die anderen Häuser von den Flammen verschont. Sofort nahmen die Kameraden die Löscharbeiten auf und begannen damit, die in Flammen stehenden Gebäude zu löschen. Um einiges später kam nun auch endlich die ersehnte Unterstützung von Berufsfeuerwehren aus entfernten Teilen Tschechiens. Mehrere hundert Kräfte mit einem riesigen Fuhrpark rückten an und lösten die Einsatzkräfte in Mezna ab. Für die deutschen Kameraden war der Einsatz an dieser Stelle beendet, insgesamt dauert er aber noch mehrere Wochen weiter an.