Deutschland, 1. September 2026. Innerhalb weniger Stunden werden zwei Sabotageverdachtsfälle an zentralen Knoten der Stromversorgung bekannt: morgens am Umspannwerk Turnow-Preilack nahe dem Kraftwerk Jänschwalde in Brandenburg, abends an der Amprion-Umspannanlage Rommerskirchen bei Bergheim in Nordrhein-Westfalen. In beiden Fällen sprechen Behörden von vorsätzlichem Vorgehen gegen Höchstspannungsleitungen. Die allgemeine Stromversorgung der Bevölkerung blieb nach Angaben der Netzbetreiber stabil. Für Feuerwehr und Katastrophenschutz ist genau diese Differenz entscheidend: Was als Angriff auf kritische Infrastruktur ernst zu nehmen ist, war noch kein Blackout – und genau deshalb lohnt der Blick auf Vorsorge und Rollenklarheit, bevor aus einem Near Miss eine echte Ausfalllage wird.
Was am 1. September bekannt ist – und was offen bleibt
In Brandenburg meldeten sich Einsatzkräfte am Morgen zu einem Vorfall am Umspannwerk Turnow-Preilack. Nach Angaben von Innenminister Jan Redmann versuchten Unbekannte, mit selbstgebauten, raketenähnlichen Flugkörpern leitfähiges Material in Höchstspannungsleitungen einzubringen. In zwei Fällen kam es zu Kurzschlüssen; eine zweistellige Zahl weiterer Vorrichtungen wurde gefunden. Der Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz berichtete, die allgemeine Versorgung sei nicht unterbrochen worden. Der Kraftwerksbetreiber LEAG sprach von einem technischen Ausfall von Block B des Kraftwerks Jänschwalde; der Block war in der Nacht zum 2. September wieder am Netz. Ob es zu einer Sprengsatz-Detonation kam, ist öffentlich widersprüchlich dargestellt: Frühe Polizeiangaben und spätere Einordnungen Redmanns (Feuerball eher als Kurzschluss-Effekt) decken sich nicht vollständig. Das Landeskriminalamt Brandenburg ermittelt unter anderem wegen Störung öffentlicher Betriebe und des Verdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung. Täter und Motiv sind unbekannt.
Am Abend desselben Tages kam es in Bergheim-Rheidt (NRW) zu einer Störung an einer Amprion-Umspannanlage. Innenminister Herbert Reul sprach von einem absichtlich herbeigeführten Kurzschluss durch leitfähiges Material über der Oberleitung. RWE meldete den Ausfall mehrerer Braunkohleblöcke mit einer Kapazität in der Größenordnung von mehreren Tausend Megawatt; die allgemeine Versorgung und Systemstabilität seien laut Amprion, RWE und dem NRW-Wirtschaftsministerium nicht gefährdet gewesen. Ermittelt wird unter anderem wegen des Anfangsverdachts der verfassungsfeindlichen Sabotage. Ob ein Zusammenhang mit Brandenburg besteht, wird geprüft, ist aber nicht belegt.
Für die Blaulicht-Szene folgt daraus zunächst eine nüchterne Einordnung: Die Vorfälle zeigen Absicht und Methode gegen Energie-KRITIS. Sie belegen zugleich, dass redundante Netze und betriebsseitige Abschaltungen diesmal einen Bevölkerungsstromausfall verhindert haben. Eine reine Wiederholung der Breaking News ersetzt keine Analyse der eigenen Vorsorge.
Blackout ist nicht gleich Leitungsausfall
Im Fachdiskurs bezeichnet ein Blackout typischerweise einen großflächigen, länger andauernden Zusammenbruch der Stromversorgung mit weitreichenden Folgewirkungen. Ein lokaler Leitungs- oder Kraftwerksausfall – auch wenn er spektakulär wirkt – ist etwas anderes: Kraftwerksblöcke können automatisch vom Netz gehen, ohne dass Haushalte flächendeckend dunkel bleiben. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) beschreibt einen großflächigen, langanhaltenden Stromausfall als plausibles „Reasonable Worst Case“-Szenario für den Bevölkerungsschutz. Die September-Vorfälle lagen unter dieser Schwelle. Genau deshalb eignen sie sich als Anlass, die eigene Einsatzbereitschaft zu prüfen – nicht als Beleg, dass „der Blackout schon da“ sei.
Was Feuerwehr und KatS leisten – und was nicht
Bei einem längeren Stromausfall stellen Feuerwehren und Einheiten des Katastrophenschutzes nicht das Stromnetz wieder her. Ihre Aufgabe bleibt Brandschutz, Allgemeine Hilfe und die Unterstützung der Gefahrenabwehr unter erschwerten Bedingungen. Typische Rollen:
- Gerätehaus und Alarmierung: Funkmeldeempfänger, Sirenensteuerung und Ladeinfrastruktur sind stromabhängig. Landes- und Kommunalempfehlungen sehen bei längerem Ausfall oft das unaufgeforderte Besetzen des Gerätehauses und die aktive Verbindung zur Integrierten Leitstelle vor – besonders dort, wo Sirenenalarmierung dominiert.
- Leitstelle: Integrierte Leitstellen gelten fachlich als kritische Infrastruktur. Notstrom, USV, Kühlung und Redundanz (bis hin zu Ersatzleitstellen) sind Voraussetzung, damit Notruf 112 und Disposition funktionieren. Fällt die Leitstellentechnik aus, rücken Gerätehäuser als Notrufmeldestellen stärker in den Fokus.
- Katastrophenschutz-Leuchttürme / Notfalltreffpunkte: Viele Kommunen planen Feuerwehrgerätehäuser als Anlaufstellen für die Bevölkerung, wenn Telefonie und Information zusammenbrechen. Die Ausgestaltung ist regional unterschiedlich, die Grundidee aber klar: sichtbare, stromgesicherte Punkte in der Fläche.
- BOS-Funk und Kommunikation: Digitalfunk und Leitstellen-IT brauchen Energie. Analoge oder organisatorische Rückfallebenen gehören in Ausfallkonzepte – nicht erst, wenn der Blackout da ist.
- Technik und Einsatzhygiene: Pumpen, Torantriebe, Beleuchtung, Ladeplätze für Fahrzeuge und Geräte sowie die Versorgung von Einsatzstellen hängen an funktionierender Energie. Stationäre Netzersatzanlagen für Feuerwehrhäuser werden in Fachmeinungen gegenüber rein mobilen Aggregaten bevorzugt, weil sie jederzeit verfügbar und auf das Objekt ausgelegt sind. Bei längeren Lagen kommen Schichtfähigkeit, Kraftstofflogistik und der Schutz vor Kohlenmonoxid durch falschen Aggregat-Einsatz hinzu.

Hinzu kommen Folgelagen, die die Einsatzlast erhöhen können: steckengebliebene Personen in Aufzügen, ausgefallene Heizung und Warmwasser, gestörte Trinkwasserversorgung (Pumpen), Belastung von Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern, Verkehrsstörungen. Die Wehr wird dann nicht zum Energieversorger, sondern zum stabilisierenden Teil der kommunalen Gefahrenabwehr.
Was Behörden und Fachstellen sagen – vorsichtig und ohne Panik
Zu den September-Vorfällen äußerten sich vor allem Innenministerien und Betreiber: Redmann sprach von systematischem Vorgehen und einer hybriden Bedrohung; Reul von einem Angriff auf das Land. Netzbetreiber betonten die intakte Versorgung der Bevölkerung. Spezifische Stellungnahmen von BBK oder Deutschem Feuerwehrverband zu genau diesen beiden Sabotagefällen waren zum Recherchestand nicht prominent belegt. Relevant bleiben die allgemeinen Vorsorgehinweise: Das BBK verweist Bürgerinnen und Bürger auf Eigenvorsorge (Aufbau mindestens über wenige Tage, idealerweise länger), Radio, Bargeld und das Freihalten der Notrufnummern. Für Behörden und Betreiber kritischer Infrastruktur existieren Notstromleitfäden und Planungsempfehlungen – darunter auch Hinweise zu längerer Autarkie ohne Nachbetankung. Für Feuerwehrhäuser liegen landesspezifische Empfehlungen zur Ersatzstromversorgung vor.
Was Wehren jetzt prüfen können
Ohne Spekulation über Täter und Motive lassen sich aus dem Near Miss praktische Prüffragen ableiten:
- Ist die Ersatzstromversorgung des Gerätehauses dokumentiert, getestet und für einen längeren Betrieb ausgelegt?
- Kennt die Wehr das kommunale Konzept zu Notrufmeldestelle / Leuchtturm – und die eigene Rolle darin?
- Gibt es eine klare Absprache mit der Leitstelle für den Fall längerer Netzstörungen (Selbstständiges Einrücken, Statusmeldungen, Funk-Rückfallebenen)?
- Sind Absperr- und Unterstützungseinsätze an Energie-KRITIS geübt – inklusive der Grenze zu Polizei und Entschärfern (USBV, Freischaltung nur mit Netzbetreiber)?
- Sind Schichtpläne, Kraftstoff und Versorgung für eine mehrtägige Mehrbelastung zumindest skizziert?
Fazit
Die Sabotageverdachtsfälle vom 1. September 2026 machen die Verwundbarkeit von Einspeise- und Verteilknoten sichtbar. Sie sind zugleich ein Beleg dafür, dass Redundanz und betriebsseitige Reaktion einen Bevölkerungsstromausfall verhindern können. Für Feuerwehr und Katastrophenschutz liegt der redaktionell und einsatztaktisch sinnvolle Schluss nicht in Panik, sondern in Vorsorge: Rollenklarheit, Notstrom, Leitstellen-Resilienz und kommunale Anlaufstellen. Near Miss heißt: Die Lage ist ernst genug zum Lernen – und noch beherrschbar genug, um das Lernen ohne Sensationsrhetorik zu tun.
Quellen (Auswahl): Polizei Brandenburg; tagesschau; rbb24; ZEIT/dpa; SPIEGEL; WDR; Amprion/RWE/50Hertz/LEAG über Medienberichte; BBK (Stromausfall/Vorsorge, allgemein); LFS Baden-Württemberg (Empfehlungen Ersatzstrom Feuerwehrhäuser); Fachpapiere zu BOS-Leitstellen/KRITIS.








