Personalmangel spitzt sich zu: Erste Feuerwehr reaktiviert nun Alters- und Ehrenabteilungen

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In Großschönau in Sachsen sollen Mitglieder der Alters- und Ehrenabteilungen wieder in den Feuerwehrdienst eingegliedert werden, um Personallücken aufzufüllen. Foto: Rico Löb

Der anhaltende Personalmangel in vielen Feuerwehren zwingt Verantwortliche zunehmend zu neuen Maßnahmen. In Großschönau im Landkreis Görlitz wurde am vergangenen Wochenende zum Beispiel nun ein Konzept vorgestellt, das bundesweit für Diskussionen sorgen dürfte: Die schrittweise Reaktivierung ehemaliger Kameraden aus den Alters- und Ehrenabteilungen für den aktiven Einsatzdienst.

Zahlreiche ehemalige Kameraden nahmen interessiert an der Veranstaltung teil. Foto: Rico Löb

Im Rahmen einer Informationsveranstaltung in der Fahrzeughalle der Großschönauer Feuerwehr kamen zahlreiche ehemalige Feuerwehrangehörige zusammen, um sich über das neue Modell zu informieren. Begleitet wurde das Treffen von einem feierlichen Auftakt durch den Spielmannszug sowie musikalischer Untermalung durch eine böhmische Blaskapelle.

Angesprochen werden bei dem neuen Programm vor allem ehemalige Kameraden im Alter zwischen 65 und 80 Jahren, die ihre aktive Dienstzeit bereits beendet haben, sich jedoch weiterhin in der Lage sehen, ihre Erfahrung in den Einsatzdienst einzubringen.

„Erfahrung darf nicht verloren gehen“

In seiner Ansprache betonte Kommandant Fabian Hälschke die Notwendigkeit neuer Wege: „Wir stehen vor der großen Herausforderung, unsere Einsatzbereitschaft langfristig sicherzustellen. Gleichzeitig verfügen wir über eine Generation von Kameraden mit enormer Erfahrung, die bislang ungenutzt blieb. Und die im Zweifel noch genau weiß, wie der TSA wieder aktiviert wird.“

Kommandant Hälschke ist stolz auf das Pilotprojekt, welches in seiner Feuerwehr anläuft. Foto: Rico Löb

Das neue Konzept sieht vor, ehemalige Einsatzkräfte schrittweise wieder einzubinden. Natürlich angepasst an individuelle körperliche Voraussetzungen und persönliche Bereitschaft. Voraussetzung sei laut interner Richtlinie lediglich, „dass das Einsatzstichwort noch ohne Lesebrille erkannt werden kann“, meint Hälschke scherzhaft am Rande der Auftaktveranstaltung.

Kern des Modells sollen speziell zugeschnittene Aufgabenbereiche sein. So sollen die reaktivierten Kameraden unter anderem eingesetzt werden für:

  • Lageunterstützung und Einsatzdokumentation
  • Gerätebereitstellung und Logistik
  • Verpflegung und Organisation
  • Unterstützung bei kleineren technischen Hilfeleistungen
  • sowie die wichtige Funktion des „Erfahrungseinwurfs“ bei Lagebesprechungen

Auch eine Beteiligung an Einsatzleitungen sei perspektivisch denkbar. „Erfahrung ersetzt in vielen Situationen Geschwindigkeit“, schildert Hälschke wieder ernst den großen Vorteil des neuen Programms. Um den Anforderungen dabei aber gerecht zu werden, seien verschiedene Anpassungen vorgesehen:

  • verlängerte Ruhezeiten und angepasste Einsatzdauer
  • Sitzmöglichkeiten an der Einsatzstelle
  • angepasste AAOs mit leicht verlängerten Reaktionszeiten
  • Truppweise Unterstützung durch jüngere Kameraden

Parallel dazu sei auch ein angepasstes Ausbildungs- und Wiedereingliederungskonzept geplant. In speziellen Schulungen sollen die ehemaligen Kameraden auf den aktuellen Stand der Technik gebracht werden. Dazu gehören unter anderem Einweisungen in digitale Funktechnik, neue Fahrzeugkonzepte sowie moderne Einsatzdokumentation. Ziel sei es laut Hälschke, vorhandene Erfahrung mit aktuellen Standards zu verbinden, ohne die Kameraden zu überfordern.

Das neue Konzept könnte ein wahrer Game-Changer im Feuerwehrwesen sein. Foto: Rico Löb

Großes Interesse bei ehemaligen Kameraden

Die Resonanz auf die Veranstaltung war groß. Viele der anwesenden ehemaligen Feuerwehrleute zeigten sich interessiert an einer möglichen Rückkehr in den aktiven Dienst. Vorausgesetzt: Die Einsätze bleiben im Rahmen der Möglichkeiten, die Aufgaben sind entsprechend angepasst und die körperlichen Anforderungen werden individuell berücksichtigt.

Wehrleiter a.D., Dieter Neumann, sprach mahnende Worte während der Veranstaltung. Foto: Rico Löb

Auch der ehemalige Wehrleiter Dieter Neumann richtete im Verlauf der Veranstaltung noch einmal mahnende Worte an die Anwesenden. Er betonte den Ernst der aktuellen Situation und erinnerte daran, dass die Einsatzbereitschaft der Feuerwehr keine Selbstverständlichkeit sei. „Früher war es für viele selbstverständlich, sich einzubringen und Verantwortung zu übernehmen, heute müssen wir dafür neue Wege finden“, so Neumann. Gleichzeitig merkte er an, dass sich insbesondere die jüngere Generation durchaus ein Beispiel an den Kameraden früherer Jahre nehmen könne. Nicht nur in Bezug auf Engagement, sondern auch auf Verlässlichkeit und Zusammenhalt.

Symbolischer Generationsaustausch

Im Rahmen des Treffens kam es zudem zu einem besonderen Moment: Der ehemalige Wehrleiter Dieter Nuemann übergab einen Helm an den kürzlich wiedergewählten Gemeindewehrleiter Hälschke. Als Zeichen für den generationenübergreifenden Zusammenhalt innerhalb der Feuerwehr.

Bürgermeister Frank Peuker nahm an der Veranstaltung teil und verfolgte die Vorstellung des Konzepts aufmerksam. Foto: Rico Löb

Auch Bürgermeister Frank Peuker nahm an der Veranstaltung teil und verfolgte die Vorstellung des Konzepts aufmerksam. In seinem Grußwort betonte er die Bedeutung einer langfristig gesicherten Einsatzbereitschaft für die Gemeinde Großschönau und zeigte sich offen für neue, auch ungewöhnliche Ansätze. „Wir müssen alle vorhandenen Potenziale in Betracht ziehen. Insbesondere jene, die über viele Jahre hinweg Verantwortung getragen und den Feuerwehrdienst geprägt haben“, so Peuker. Gleichzeitig hob er hervor, dass die Einbindung erfahrener ehemaliger Kameraden nicht nur zur Entlastung der aktiven Einsatzkräfte beitragen könne, sondern auch ein wichtiges Signal für den Zusammenhalt innerhalb der Feuerwehr sende.

Ob das Modell Schule macht, bleibt abzuwarten. Erste Stimmen aus anderen Regionen zeigen jedoch bereits Interesse an dem Ansatz. Angesichts steigender Anforderungen und gleichzeitig sinkender Personalzahlen könnten ähnliche Konzepte künftig häufiger diskutiert werden. Bis dahin bleibt Großschönau wie so oft Vorreiter. Und zeigt, dass die Feuerwehr im Zweifel auf ihre stärkste Ressource zurückgreift: Menschen, die schon immer da waren und es irgendwie immer noch sind.

(Hinweis: Dieser Beitrag erschien am 1. April 😉)