Drehleiter-Einsätze im Winter gehören mit zu den komplexesten Tätigkeiten im Feuerwehrdienst. Schnee, Eis, rutschige Straßen und Kälte wirken gleichzeitig auf Fahrzeug, Mannschaft und das Einsatzumfeld ein und erhöhen so die Fehler- und Unfallwahrscheinlichkeit. Gleichzeitig nimmt die Zahl winterlichter Einsatzszenarien zu: Schneelasten auf Dächern, drohende Dachlawinen, Eiszapfen über Verkehrsflächen, Sturmschäden an Bäumen oder Fassaden, aber auch Brände, bei denen Löschwasser gefriert und die Wege vereisen. Wer diese Lagen unterschätzt, gefährdet nicht nur das Einsatzgerät, sondern auch die Einsatzkräfte und Dritte.
Schon die Anfahrt im Winter unterscheidet sich deutlich vom Sommerbetrieb. Winterliche Straßenverhältnisse verlängern die Hilfsfristen, Schneewälle schränken Wendeflächen ein, parkende Fahrzeuge werden wegen ungeräumter Gehwege auf die Straßen verdrängt und die Fahrbahnbreite reduziert sich spürbar. Nebenstraßen, Innenhöfe und Zugänge zu Rückgebäuden sind oft nicht oder nur unzureichend geräumt. Steigungen und Gefälle werden zu Problemstellen, besonders für schwere Hubrettungsfahrzeuge. Deshalb ist eine angepasste Fahrweise zwingend notwendig, ergänzt um eine witterungsabhängige Routenplanung und immer auch mit einem Kontakt zum Bauhof und den Winterdiensten. Sicherheit hat hier eindeutig Vorrang vor Geschwindigkeit, denn „Ankommen“ bleibt die Devise für jeden Einsatz.
Auch die Fahrzeugtechnik reagiert sensibel auf niedrige Temperaturen. Hydrauliköl verdickt sich, wodurch sich Bewegungen des Leitersatzes verlangsamen und feinfühlige Steuerung schwieriger werden können. Batterien verlieren an Kapazität, Sensoren vereisen, Feuchtigkeit kondensiert und gefriert auf elektronischen Bauteilen. Dies kann zu Fehlermeldungen, Störungen in der Sensorik oder Beeinträchtigungen der Automatikprogramme führen. Maschinisten müssen das Verhalten ihrer Drehleiter kennen und einschätzen können, denn technische Besonderheiten unter Kälte sind kein Ausnahmefall, sondern im Winter der Normalzustand. Ein vorgewärmter Aufbau, sowie eine regelmäßige Sicht- und Funktionsprüfung der Sensorik reduzieren Störungen und sichern den Einsatz.
Weiterhin ist die richtige Bereifung ein zentraler Sicherheitsfaktor. Winterreifen mit Alpine-Symbol, ausreichender Profiltiefe und korrektem Luftdruck sind die beste Lösung. Auch Schneeketten sollten im Fahrzeug verlastet und vor Saisonbeginn getestet sein. Zudem sollte die Mannschaft mit dem Anbringen der Schneeketten geübt sein. Schleuderketten können eine Anfahrhilfe bieten, ersetzen aber keine echten Schneeketten in richtig verschneitem Gelände oder an Steigungen. Entscheidend für die Standfestigkeit der Drehleiter ist auch der Untergrund. Abstützflächen sind im Winter oft verdeckt, uneben oder rutschig, Kanaldeckel und Schächte liegen unter Schneeschichten verborgen und können bei Belastung nachgeben. Maschinisten müssen diese Gefahren aktiv suchen – nicht selten ist das Freilegen von Abstützpunkten mit Besen, Spaten oder Schaufel erforderlich. Streugut wie Granulat oder Splitt wird zur Verbesserung der Zufahrt verwendet, darf jedoch nicht unter den Abstütztellern liegen, da es die Reibung reduziert. Profilschuhe oder gezackte Auflageplatten verbessern die Haftung der Abstützung.
Der eigentliche Einsatz an Objekten wird durch Schnee und Eis ebenfalls schwieriger. Dächer können unter Schneelasten instabil sein, Dachrinnen sind vereist, Eiszapfen und Schneebretter können ohne Vorwarnung abstürzen. Außerdem verändert sich die Sicht auf Dachkanten und Hindernisse, was das Risiko für Abstürze erheblich erhöht. Bei arbeiten in der Höhe, wie zum Beispiel beim Entfernen von Schneelasten oder Eiszapfen muss immer eine geeignete Absturzsicherung vorhanden sein. Dies gilt sowohl für den Korb selbst als auch für Trupps, die über die Leiterspitze auf Dächer wechseln. Dachüberstiege sind besonders heikel: Schneeverwehungen, rutschige Dachziegel, verdeckte Abrisskanten und Hohlräume erfordern immer Sicherungsmaßnahmen. Der Trümmerschatten ist einzuhalten und sollte mindestens das 1,5-fache der Gebäudehöhe betragen, da herabfallende Schneemassen und Eisbrocken auftreten können. Je nach Lage kann auch die taktische Entscheidung richtig sein, auf das Hubrettungsgerät zu verzichten und stattdessen THW-Arbeitsplattformen, Hubarbeitsbühnen mit Kettenfahrwerk oder Dachdeckerfirmen einzubinden. Drehleitern sind kein Allheilmittel.
Besonders anspruchsvoll sind Löschmaßnahmen bei Frost. Gefrierendes Löschwasser verwandelt Aufstiege, Podien und Leitersätze innerhalb kürzester Zeit in glatte Eisflächen. Elektrische Komponenten und Sensoren können einfrieren und Fehlfunktionen auslösen. Schlauchleitungen frieren nur dann ein, wenn kein Durchfluss besteht, weshalb Strahlrohre im Winter möglichst nicht komplett geschlossen werden sollten. Nach dem Einsatz müssen Armaturen geöffnet, Schläuche entwässert, Geräteräume ausgeblasen und das Fahrzeug enteist werden. Unbehandeltes Streusalz und Feuchtigkeit führen zu Korrosion, weshalb regelmäßige Fahrzeugwäsche im Winter keine kosmetische Maßnahme, sondern ein wichtiger Korrosionsschutz ist.
Kommunikation und Sicht spielen bei Einsätzen im Winter ebenfalls eine größere oder zumindest andere Rolle als im Sommer. Starkes Schneetreiben verschlechtert die optische Kommunikation, Winterdienste erzeugen Lärm, Umfeldbeleuchtung blendet auf weißer Schneefläche und vereiste Fensterflächen schränken die Sicht ein. Einsatzstellen profitieren daher von guter Beleuchtung, klaren Funksprüchen und eindeutigen Kommandos. Handzeichen müssen als Backup vorhanden sein, falls Funk oder Sicht erschwert ist.
Kälte wirkt sich zudem physiologisch auf das Personal aus. Maschinisten stehen oder sitzen oft lange ohne körperliche Aktivität am Bedienstand und kühlen dadurch besonders schnell aus. Gefährdet sind Feinmotorik, Reaktionsfähigkeit und Konzentration. Funktionsunterwäsche, Unterziehhandschuhe, warme Socken, Wechselhandschuhe und Heißgetränke sind daher ebenfalls keine Komfortmaßnahme, sondern Teil der Eigensicherung. Atemschutzträger benötigen nach durchgeschwitzten Arbeiten trockene Wechselkleidung, um Unterkühlung zu vermeiden. Auch Ablöseintervalle können im Winter kürzer sein als im Sommer.
Auf organisatorischer Ebene lohnt sich das Anlegen von Winter-Objektlisten, Hydrantenkarten und Daten zu schwer erreichbaren Hinterhöfen. Kliniken, Seniorenheime und große Wohnanlagen sollten auf ihre Winterzugänglichkeit überprüft werden. Eine enge Kooperation mit Bauhof, THW, Objektbetreibern und Winterdiensten schafft im Einsatzfall Zeitvorteile und vermeidet improvisierte Notlösungen.
Nach Einsätzen ist die Nachbereitung essenziell. Schläuche und Armaturen müssen entwässert, Geräteräume getrocknet und das Fahrzeug vollständig gewaschen werden, um salzhaltige Rückstände zu entfernen. Gelenke, Abstützungen und Sensoren sind zu prüfen und eventuell auch erneut zu schmieren. Ein ungewaschenes Fahrzeug nach Wintereinsatz ist ein Wartungsrisiko!
Besonderes Augenmerk sollte auch auf die Ausbildung gelegt werden. Realistische Winterübungen, wie Fahren auf Schnee, Abstützen trotz Splitt und Eis, Dachüberstiege mit Sicherung, Löschwasserabgabe bei Frost: all das schafft praktische Routine, ohne die selbst die beste Theorie wertlos bleibt. Saisonale Checklisten, Schneeketten-Training und Sensorikprüfungen vor Beginn der Winterperiode sollten selbstverständlich sein. Und die Erfahrung zeigt: Wer den Winterbetrieb nie geübt hat, wird im Ernstfall nicht immer improvisieren können, ohne Fehler zu machen.
Zusammengefasst verlangt der Drehleitereinsatz im Winter mehr Aufmerksamkeit, mehr Vorbereitung und mehr technische Kompetenz als in den warmen Monaten. Winter ist kein Störfall, sondern ein eigener Betriebszustand. Wer Fahrzeugtechnik, Objektumfeld und Mensch als Ganzes betrachtet und die Dinge im Vorfeld plant, der erhöht die Sicherheit erheblich. Planung, Routine und Übung entscheiden am Ende darüber, ob Schnee und Eis beherrschbare Einsatzbedingungen bleiben oder zur Gefahr für die Einsatzkräfte werden.





